PRAXISTEST My ESEL E-CROSSBIKE

PRAXISTEST My ESEL E-CROSSBIKE

13. Juli 2019 2 Von Christoph

Dass Nachhaltigkeit und Individualität kein Widerspruch sein muss, beweist das Konzept des oberösterreichischen Fahrradherstellers My ESEL. Wir durften die elektrifizierte Version des Cross-Bikes aus Holz einem kurzen Test unterziehen.

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Das My ESEL-Konzept ist schnell erklärt. Zum Einsatz kommt ein vollständig aus heimischem Holz gefertigter Rahmen, der individuell an den Fahrer oder die Fahrerin angepasst wird. Die Produktionsdaten des Fahrrades werden durch eine Software erstellt, was die Vorteile einer Serienproduktion für den Hersteller mit dem Komfort eines maßgefertigten Rades für die KäuferIn verbindet. Zusätzlich verspricht der Holzrahmen nicht nur optische Vorzüge, auch die mechanischen Eigenschaften sollen jenen von Carbon und Aluminium zumindest ebenbürtig sein. Das innovative Konzept erregte nicht nur in der bekannten Start Up-TV-Show “2 Minuten, 2 Million” Aufsehen, es wurde außerdem mit dem ISPO Award 2018 (ispo.com) ausgezeichnet.

Dass wir es hier mit keinem gewöhnlichen Fahrrad zu tun bekommen, wurde auf den ersten Blick klar. Der vollständig aus Holz gefertigte Rahmen, kombiniert mit schwarzen Anbauteilen, vermittelt Exklusivität pur. Aber auch der zweite (genauere) Blick lässt keine Zweifel aufkommen, dass es sich hier nicht um bloße Effekthascherei handelt. Zum elektrischen Antrieb ist zu sagen: es fällt sofort auf, dass er nicht auffällt.

Der Rahmen

Der Rahmen besteht aus Birkenholz, das mit Harzklebern aus der Ski-Herstellung zu einem steifen und gleichzeitig elastischen Kern verklebt wurde. Die äußere Schicht bildet Kerneschenholz. Die Holzrahmenkonstruktion erlaubt Steifigkeit bei gleichzeitig ausgezeichneter Absorption von Schlägen und geringem Gewicht. Die hochwertige und exakte Verarbeitung sticht sofort ins Auge, alle Übergänge zu Anbauteilen sind tadellos gefertigt. Alle Baudenzüge und Kabel sind im Rahmen geführt, wodurch die allgemein cleane und reduzierte Optik noch zusätzlich unterstützt wird. My ESEL garantiert durch eine ausgeklügelte Lackbehandlung absolute Wetterfestheit. Neben den individuell gefertigten Rahmen werden auch Standard-Rahmengrößen in S, M und L angeboten. Unser Testrad war in Rahmengröße M ausgeführt und fühlte sich für mich (1,80m) wie extra angefertigt an. Gefertigt wird in Salzburg, zusammengebaut in Oberösterreich, im Fahrradzentrum B7. Das ist deshalb so erwähnenswert, als es sich um einen ökosozialen Betrieb handelt. Die Nachhaltigkeit des Rohstoffs Holz untermauert My ESEL nicht zuletzt mit dem Versprechen, dass der Rahmen länger hält, als der Baum Zeit zum Wachsen benötigt.

Die Ausstattung

Auch die verwendete Ausstattung mutet hochwertig an. Das Deore XT Schaltwerk, fügt sich ebenso in das durchwegs positive Gesamtbild wie die RockShox Paragon Gold Air Federgabel, die im oberen Segment von Trackinggabeln anzusiedeln ist. Kontakt zur Straße stellen zwei Smart Sams von Schwalbe her. Radnaben und Scheibenbremsen aus dem Hause Shimano (MT 400) komplettieren die durchwegs gute Ausstattung. Die Tretkurbel und -lager sind Spezialanfertigungen in Kleinserie, die auf Grund konstruktionsbedingter Eigenheiten des verwendeten E-Antriebs verbaut wurden. Weiters ist ein Ständer vorhanden, Gepäckträger und Kotflügel können optional geordert werden. Bohrungen für den nachträglichen Aufbau zuhause sind nicht vorhanden. Gewünscht hätten wir uns eventuell noch die Integration von Front- und Rücklicht.

Das “E”

Das wirklich Verblüffende an diesem E-Bike, ist, wie schon eingangs erwähnt, dass es nicht wie ein E-Bike aussieht. Der Akku wurde in den Rahmen integriert und – entgegen dem allgemeinen E-Bike Trend – ein Heckmotor eingesetzt. Auch das kleine Bedienteil am Lenker fällt erst bei genauem Hinschauen auf. Erst wenn man das Rad über den Randstein hebt, weiß man, dass man es eindeutig mit einem E-Bike zu tun hat, wenn gleich das Gewicht von 19 kg deutlich unter jenem anderer Hersteller liegt. Dieser Umstand wird vor allem in der Reichweite deutlich: Verbaut ist ein Samsung-Akku mit 400Wh, mit dem je nach verwendeter Unterstützungsstufe laut Hersteller zwischen 70 und 110 km erreicht werden können. Unser Test führte zwar nicht über diese Distanz, auf Grund des Akkustandes bei Testende erscheinen diese Werte aber als durchaus realistisch. Voll geladen werden kann der Akku laut Hersteller in 3 Stunden, 80% Ladestand werden bereits nach einer Stunde erreicht. Auf Grund des kurzen Tests wurde der Akku von uns nicht geladen und diese Werte nicht überprüft. Der 250W leistende Motor von Aikema unterstützt bis 25km/h und sitzt direkt auf der Hinterachse. Die Entscheidung für den Heckmotor ist in erster Linie dem Design des Rades geschuldet. Die Hersteller wollten das (von den Rädern ohne E-Antrieb gewohnte) Erscheinungsbild nicht durch einen Mittelmotor stark beeinflussen. Das Bedienteil ist mit einem monochromen Display ausgestattet, auf dem alle relevanten Infos angezeigt werden. Die Unterstützung kann in fünf Stufen gewählt werden. Eine Anzeige der Restreichweite in Kilometern fehlt allerdings. Der Motor verfügt außerdem über eine “Walk”-Funktion, die über das Bedienteil aktiviert wird. Der Akku kann vom Fachhändler bei Bedarf über den an der Unterseite des Tretlagers befindlichen Zugang getauscht werden. An dieser Stelle befindet sich auch die Ladebuchse.

Der Fahrbericht

Bei wundervollem Wetter konnte ich dieses ungewöhnliche Rad auf eine kleine Rundfahrt in die Ausläufer des Wienerwaldes rund um Baden ausführen. Der Test startete in der Stadt. Understatement ist anders, der Holzrahmen ist einfach nicht alltäglich. Dass ich auf einem E-Bike sitze, war wohl auch nur mir selbst klar. Schon die ersten Meter waren überzeugend. Die Sitzposition war wie für mich gemacht, der Heck-E-Antrieb leistete hervorragend Vorschub, wie man es auch von den großen Herstellern gewohnt ist. Einen merkbaren Unterschied zu den verbreiteteren Mittelmotoren konnte ich nicht feststellen. Die Viertel-Kurbelumdrehung bis die Unterstützung einsetzt, ist durchaus üblich. Das Bedienteil war intuitiv beherrschbar, wenngleich auch etwas fummeliger als die großen Bedienteile anderer Hersteller. Die Teststrecke führte mich und den Esel in ein Waldstück in der Nähe von Baden, weil ja bekanntermaßen zusammengeführt werden soll was zusammen gehört – in diesem Fall Holz und Wald. Nach den ersten steileren Waldwegen bemerkte ich, dass zwar die Performance des E-Antriebes konstant blieb, jedoch meine eigene Performance nachließ. E-Bikefahren bedeutet nämlich trotzdem körperliche Anstrengung, insbesondere bergauf!

In dieser Passage meiner Ausfahrt wurde auch der Vorteil des Deore XT – Schaltwerks deutlich, die Gänge konnten selbst unter Vollast noch so richtig reingeknallt werden. An einem besonders steilen Stück entschied ich dann jedoch, das Bergauffahren sein zu lassen. Einerseits endet ab einer gewissen Steigung die elektrische Unterstützung (die Walkfunktion war mir zu diesem Zeitpunkt noch nicht bekannt – wer liest denn schon Anleitungen…) und das Gewicht des Rades machte sich deutlich bemerkbar, andererseits wollte ich ja schließlich auch die Performance des Rahmens, der Federgabel und der Bremsen testen. Die Performance war mit einem Wort “überzeugend”. Die Bremsen verrichteten ohne Tadel ihre Arbeit, die Federgabel war etwas weich, der Luftdruck war aber auch nicht an mein Gewicht angepasst. Trotzdem wurden heftigere Schläge gegen meine zarten Bürohandgelenke zufriedenstellend abgefedert. Für leichtes Gelände ist das Rad also absolut geeignet. Aber auch auf den Straßen urbaner Umgebungen machte das My Esel E-Crossbike eine gute Figur. Auch hier kommt der weiter oben beschriebene Gewichtsvorteil zum Tragen, lässt sich das Bike doch auch ohne jegliche elektrische Unterstützung beinahe wie ein normales Rad bewegen. Auf einer steileren, asphaltierten Abfahrt konnte ich mich auch von der Wirksamkeit der Bremsen umfassend Überzeugen. An dieser Stelle sei auch nochmal auf das erhöhte Gewicht durch den E-Antrieb und Akku hingewiesen und, dass auch ich selbst schon besser in Form war und damit meinen Beitrag zum (erhöhten) Gesamtgewicht geleistet habe. Die Shimano MT 400 verzögerten auch diese rasante Abfahrt zuverlässig und ohne murren (oder quietschen). Als weniger gut stellte sich auf der Straße das Display heraus, dieses war bei direkter Sonneneinstrahlung nicht mehr ablesbar. Ich dachte zwischenzeitlich sogar, das Display und damit die Unterstützung wären ausgeschaltet. Zum Rahmen muss ich sagen, dass er absolut hält was er verspricht. Das Rad fühlt sich in jeder Lage agil und trotzdem stabil an, Schläge werden gut absorbiert und gleichzeitig fühlt sich die Konstruktion robust und steif an. Wieder Zuhause angekommen, wollte ich das Bike eigentlich nicht mehr zurückgeben. Vielleicht bekommen wir ja noch die Möglichkeit einen Langzeittest durchzuführen.

Fazit

Mit dem E-Cross Bike hat My ESEL den Nerv der Zeit getroffen. E-Bikes boomen und zusätzlich kann das nachhaltige Konzept auf ganzer Linie überzeugen. Für den Preis von rund 3.500 € wird eine angemessene Ausstattung geboten. Der Rahmen weiß nicht nur optisch zu überzeugen, auch die Fahreigenschaften sind hervorragend. Dass das Bike aus österreichischem Holz, in Österreich gefertigt und in einem österreichischen, ökosozialen Betrieb zusammengebaut wird, ist mehr als unterstützenswert.

Insgesamt konnten wir für das My ESEL E Cross 64 Menschen direkt vor Ort ansprechen, 17 konkret ausprobieren lassen sowie 3 Kaufinteressenten generieren.

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